Wie funktioniert “Fanbooking”? Interview mit Nikolas von Stagelink


Nikolas SchrieferNikolas Schriefer studierte Jazz-Komposition in Köln und New York. Als Musiker – aber auch als Produzent und Manager – hat er sich immer den Herausforderungen des Musikbusiness gestellt und dabei wiederkehrende Probleme – insbesondere beim Tourbooking – beobachtet.

“Fans haben es schwer, neue Künstler zu entdecken und verpassen außerdem viele Konzerte auf Grund unpassender Termine, Orte oder zu hoher Preise”, sagte er. “Künstler verbringen viel Zeit mit der Bewerbung um Auftritte anstatt Musik zu machen, spielen aber trotzdem nur wenige Konzerte für wenig Geld. Veranstalter erhalten viel mehr Bewerbungen als sie bearbeiten können, fällen auf Grund fehlender Informationen oft nicht die optimalen Entscheidungen und stehen so mit einer durchschnittlichen Raumauslastung von nur 60% da.”

Diese Situation will er nun verbessern und gründete deshalb gemeinsam mit zwei Freunden im Jahr 2012 Stagelink. Gemeinsam wollen sie den Status Quo der Live-Musik verbessern! Wir wollten genauer wissen, wie er das anstellen will…

 

Was genau ist Stagelink?

Nikolas: Durch Stagelink erhalten Musikfans die Möglichkeit, ihre Lieblingsbands für Konzerte in ihre Stadt zu holen. Dies können sie über den “Will ich sehen“-Button auf dem Stagelink-Profil der Band tun. Dank des Stagelink Live-Radars sieht der Künstler, wo die größte Nachfrage besteht und kann diese Infos für seine Konzert- und Tourplanung nutzen. Entscheidet sich die Band dafür, ein Konzert durchzuführen, kann sie über Stagelink außerdem Tickets direkt an ihre Fans verkaufen. Nach dem Kickstarter-Modell kann dabei eine Schwelle an verkauften Tickets festgelegt werden, die erreicht werden muss, damit die Band in eine Stadt kommt. Dadurch werden die Fans angespornt, mit für das Konzert zu werben und identifizieren sich stärker mit der Band und dem Event. Außerdem wird das Risiko für Künstler, Promoter und Veranstalter reduziert.

 

Ist Stagelink denn nur für sehr bekannte Bands geeignet – oder auch für Newcomer?

Nikolas: Stagelink ist für jeden Künstler geeignet, der sich ein genaues Bild davon machen möchte, wo und wie hoch seine Live-Nachfrage ist und der einfach und günstig Tickets direkt an seine Fans verkaufen möchte – völlig unabhängig von der Bekanntheit der Band. Der einzige Unterschied besteht vielleicht darin, dass im Falle bereits etablierter Künstler deren Manager, Booker und Promoter die Services der Online-Plattform nutzen und auch davon profitieren.

 

Wie beurteilst du die aktuelle Booking-Situation für Bands?

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Michael, Nikolas und Dennis von Stagelink (v.l.n.r.)

Nikolas: Newcomer und “kleine” Künstler, die die meisten ihrer Konzerte selbst buchen, haben es schwer – insbesondere ohne ein sehr gutes aktives persönliches Netzwerk – eigene Konzerte mit mehr als 100 Besuchern und mindestens kostendeckenden Einnahmen zu organisieren. Außerdem tragen sie in der Regel einen großen Teil des finanziellen Risikos im Fall einer fehlerhaften Planung, die meist aus unvollständigen Informationen resultiert. Neben externer Hilfe hängt der Booking-Erfolg aber z.B. auch vom eigenen Engagement bei der Promotion der Band ab.

Ich beobachte einen generellen Trend, aufgenommene Musik mehr und mehr zu Werbezwecken zu nutzen, um mehr Konzerte zu spielen (die am Ende auch das Geld einbringen müssen). Dabei würde ich mir wünschen, dass sich mehr Newcomer aber auch etablierte Künstler, Manager und Promoter dieser Entwicklung annehmen und moderne Technologien nutzen, die es so einfach und günstig gemacht haben, die eigene Musik zu vermarkten und mit der eigenen Community zu kommunizieren. Dabei darf man allerdings nie vergessen: Die größte Herausforderung ist immer noch, ein erstklassiges Produkt zu kreieren, gute Musik zu machen und eine spannende Geschichte zu erzählen!

 

Wie kann Stagelink diese Situation verbessern?

Nikolas: Stagelink stellt allen Künstlern und Bands bzw. deren Managern und Bookern ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem diese die eigenen Fans aktivieren, mit ihnen kommunizieren, die eigene Konzerte-Nachfrage ermitteln und diese nutzen = Tickets verkaufen können. Durch den Ticketvorverkauf im Crowd-Funding kann neben der generellen starken Vereinfachung des gesamten Prozesses zusätzlich das finanzielle Risiko für alle Beteiligten reduziert werden.

 

Was denkst du? Wie wird sich die Branche in den nächsten Jahren entwickeln?

Nikolas: Zur Zeit sehe ich zwei generelle Trends – nicht nur in der Musikindustrie.

1) Mehr und mehr Güter werden von mehreren Menschen genutzt, der Besitz verliert an Bedeutung (vgl. Car-/Bike-Sharing bis Musik-Streaming).

2) Märkte verändern sich von einer “Push” zu einer “Pull” Steuerung; d.h. nicht mehr die Produzenten bestimmen das Angebot, sondern beziehen verstärkt die Wünsche und Bedürfnisse der Konsumenten ein. Diese Trends werden verstärkt und beschleunigt durch technologischen Fortschritt und wachsende Digitalisierung. Die Konsequenzen in der Record Industrie sind bereits deutlich vernehmbar. Die Live-Branche verhält sich in vielen Bereichen noch traditionell, beginnt aber ebenfalls, sich zu verändern. Konzert-Tickets werden beispielsweise immer seltener verschickt oder gedruckt, mobile Tickets sind auf dem Vormarsch. Außerdem wird es immer einfacher, Informationen über (potenzielle) Kunden und Fans einzuholen und auszuwerten. Diese Daten können genutzt werden, um Produkt-Portfolios zu individualisieren sowie Tour-Orte und -Daten, Line-Ups, Preise etc. zu optimieren. Ich denke, dass die Informationsdefizite zwischen allen Beteiligten in der Branche über die nächsten Jahre kontinuierlich abnehmen werden und dadurch effizientere und weniger risikoreiche Entscheidungen getroffen werden können.

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Michael, Nikolas und Dennis von Stagelink (v.l.n.r.)

Ein dritter Kampf (weniger ein Trend) wird zur Zeit ausgetragen zwischen lang- und kurzfristigen Entscheidungen. Auf die Live-Musikindustrie bezogen haben Konzertgänger die Möglichkeit, Tickets weit im Voraus oder spontan heute Abend zu kaufen. Es gibt positive und negative Meinungen sowie Beispiele zu beiden Fällen. Promoter und Veranstalter bevorzugen langfristige Verkäufe, um vernünftig planen zu können und ihre Ressourcen (z.B. die Kapazität des Venues) effizient zu nutzen. Für den Konzertgänger hängt die Entscheidung von der Art des Events ab. Zu einer bestimmten Party in einem bestimmten Club im eigenen Ort geht man womöglich eher spontan, aber keiner wartet bis zum letzten Tag mit dem Kauf eines 40 Euro Tickets für das Konzert der Lieblingsband. In letzterem Fall funktionieren auch keine Last-Minute Discounts, die einige Veranstalter anbieten, um ihre abendliche Show auszuverkaufen. Diese Arten von Ermäßigungen schaden dem Veranstalter eher, da sie die Marge und langfristig auch den Umsatz verringern.

Zusätzlich zu diesen ökonomischen und strukturellen Beobachtungen bin ich sehr froh, zur Zeit so viele großartige Künstler zu sehen, die exzellente, qualitativ hochwertige und mitreißende Musik produzieren. Daher bin ich sehr gespannt auf neue inspirierende Kompositionen und Interpretationen, neue Musikstile und neue aufstrebende Künstler und Bands.

Vielen Dank für das Interview!

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